prekariat und pfoten

Donnerstag, 3. Juli 2008, 22.26 Uhr

die analyse der länge meiner finger hat gerade ergeben, dass ich ein mädchen mit östrogenspiegel bin und nicht so gut kochen kann. letzteres liegt an der gestaltung meiner daumen, ersteres ist dadurch begründet, dass mein zeigefinger ein bis zwei milimeter länger ist als mein ringfinger. aufgrund dieser schicksalhaften fügung war ich heute in der straßenbahn sogar fähig, die tätowierung eines mitreisenden zu entziffern. »i love jakkline« stand auf seinem oberarm, und dass jacqueline die ganze fahrt über an seinem oberarm dranhing wie eine mistel, scheint mir ein ausdruck von inniger liebe zu sein, die sogar sprachgrenzen zu überwinden weiß. oder von masochismus, so sicher bin ich mir da noch nicht. ebenfalls unsicher bin ich darüber, wie ich eine aussage bewerten möchte, die gerade während der volksbildungssendung auf ihr könnt euch denken welchem sender getätigt wurde. »das ist jetzt mein letztes wort! mir stehts im moment alles nach oben!«, sagte da ein mann. vielleicht wollte er uns damit auch etwas über seinen hormonspiegel mitteilen?

kleine demütigungen zwischendurch

Montag, 30. Juni 2008, 2.46 Uhr

nein, es geht nicht um fußball. stattdessen geht es um meine gefühle; und weil meine freunde am telefon immer so schnarchgeräusche machen, wenn ich die diskutieren will, müssen es die lieben leser ausbaden. es ist nämlich so: eine alte bekannte feiert demnächst geburtstag, und obwohl wir schon längere zeit nur sporadisch kontakt haben, bin ich eingeladen. finde das sehr nett von ihr und würde gerne hingehen, aber mein briefträger ist captain hook. soll heißen, die einladung hat einen haken. eigentlich sind es nur drei worte. und diese lauten »anhang bitte mitbringen«. vermute, dass man auch alleine erscheinen darf, vielleicht wird man dabei auch kaum mitleidige blicke ernten; vielmehr macht mir gerade zu schaffen, dass es gesellschaftliche normalität zu sein scheint, mit mitte zwanzig dann doch endlich mal jemanden gefunden zu haben, der einen längere zeit um sich herum anwesend erträgt. tja. hab ich halt nicht. bzw habe ich doch, aber teddy adorno und novalis sind nun mal tot und daher als begleitung für eine geburtstagsfeier nicht einsatzfähig, ohne dass es unangenehm auffällt. um zuspruch gebetene mildtätige seelen konnten auch nur bedingt weiterhelfen (»das wird für uns die nächsten jahre noch viel schlimmer, foxi«) oder zitierten aufmunterndes aus der taz (»In den klassischen Frauenbranchen werden Kolleginnen, die nicht bereit sind, permanent ihr Beziehungs- und Emotionsleben breitzutreten, regelrecht weggebitcht«).
obwohl ich ja durchaus bereit bin, mein emotionsleben breitzutreten. ich latsche meine gefühle derart breit, dass ich, würde ich sie als reifen an einen manta schnallen, der king an jeder beliebigen dorftankstelle wäre. wo ich dann garantiert eine begleitung für so geburtstagsanlässe fände. aber will man das? glaube nicht.

ingeborg am borgo-pass

Freitag, 27. Juni 2008, 11.32 Uhr

eigentlich hatten wir uns ja überlegt, anlässlich des diesjährigen vorlesewettbewerbs zu ingeborgs ehren eine irre ausgefuchste liveblogkommentaraktion zu veranstalten, aber mein denkpartner ist eingeschlafen (immerhin: in der überschrift beziehe ich mich auf einen der texte. ich erwähne das, weil ich den lesern nicht zutraue, es selbst zu bemerken. will nur mal ausprobieren, ob das wirklich so nervt, wie es vorhin behauptet wurde). auch ansonsten ist alles wie immer. ein text wurde für eine novelle gehalten, jemand hat »unerhörte begebenheit« gesagt, der semiotiker murmelt unverständliches, und klaus nüchtern trägt sogar das gleiche hemd wie im letzten jahr um die selbe zeit.
schön, wenn man konstanten im leben hat, auf die man sich verlassen kann. das gibt inneren frieden und weltvertrauen.

update: frau märz hat in sich hineingelacht, weil sie sich nicht traute zu prusten. und jetzt mal ein mittelmäßiges wortspiel: man wünschte sich, die autoren trauten sich zu prousten. obwohl der dritte text ja doch ganz nett war.

kling glöckchen klingelingeling

Samstag, 21. Juni 2008, 15.19 Uhr

irgendwo draußen klingelt ein telefon. ist vermutlich nicht für mich. deswegen gucke ich weiter date my mom auf mtv, eine sendung, in der ich sehr wichtige dinge über das dating an sich und für sich erfahre (»he is heterosexual. that’s a good start!«). und ich lerne auch, was man lieber nicht sagen sollte (»my daughter is a unicorn. she’s very spiritual«, »she has a tendency to slam doors«), denn ER wird noch früh genug bemerken, dass man ein türenknallendes einhorn mit spiritueller ader ist.
und während einer werbeeinblendung wird gerade ein programm angepriesen, das man per sms für einen kleingedruckten preis auf sein handy laden kann, und mit dem sich dann feststellen lässt, ob ER am telefon lügt. apropos: ich bin zu so einer art summer school in südtirol zum thema technikethik eingeladen. wird übrigens von einer telekommunikationsfirma finanziert.

wagner windhund wunderbar

Dienstag, 17. Juni 2008, 12.18 Uhr

anwärter für den satz des tages:
»Wagner war so selbstsicher. Ich habe genug von Schwäche. Sie langweilt mich«, sagt Rufus Wainwright, in einen Sommeranzug von Etro gekleidet und mit vier Windhunden an der Leine
[aus vanity fair]

kosmos kino

Dienstag, 10. Juni 2008, 21.04 Uhr

eigentlich wollte ich heute abend mit einem freund ins kino gehen. dieser erklärte mir allerdings heute morgen am telefon, er könne nicht kommen, da er probleme mit den sternenkräften habe. hätte nie gedacht, dass hildegard von bingen mir mal ein date ausspannen würde.

berufsperspektiven als geisteswissenschaftler

Dienstag, 27. Mai 2008, 20.27 Uhr

einer meiner kino-arbeitskollegen (mag keine menschen, isst ständig äpfel) hat jetzt endlich ein berufliches ziel gefunden (davon weiß ich, weil ich ihm während unserer gemeinsamen schichten gerne mal gespräche aufdränge). er möchte gerne ein ziereremit werden. ich glaube, er hat in dem bereich ganz gute chancen. als filmvorführer ist er an ein leben in dunklen höhlen (bzw. schlecht klimatisierten projektionsräumen) bestens gewöhnt.

max goldt hat öfter mal recht

Samstag, 17. Mai 2008, 21.53 Uhr

zum beispiel gibt es von herrn goldt einen text namens »intaktes abdomen dank coolem verhalten«, in dem er die vorzüge eines intakten abdomens beschreibt. nun befand ich mich gestern und heute auf einem seminar, wo ich nicht nur ermüdende und ungebetene kurzvorträge über die verschiedenen worte für schnee im deutschen (sulz, harsch, firn usw.) und die ambivalente beziehung der deutschen frühromantiker zu goethe (des freiherren europa-aufsatz) hielt, sondern mich auch, das muss ich leider zugeben, in anderer beziehung ein wenig uncool verhielt. denn als wir draußen schullandheimartig an einer sitzgruppe herumlungerten, rauchten und uns über unsinn unterhielten und mit unserem halbwissen herumprollten, spazierte eine bis dahin noch intakte spinne meinen unterarm entlang. da das zum einen etwas kitzelte, zum anderen teile des auditoriums dezent anekelte, wollte ich das tierchen lässig hinfortschnicksen; wenn man das im richtigen winkel tut, segelt das krabbeltier elegant auf den rasen und geleitet sich hinfort. nun ja. ich bin ja zuweilen etwas ungeschickt und, der ein oder andere mag es geahnt haben, erwischte natürlich einen grundfalschen schnickswinkel. also schmierte sich ein schleimiges oberschlundganglion meinen schönen unterarm entlang; und leider kann ich nicht behaupten, dass das auditorium nach dieser aktion meinerseits weniger angeekelt war als zuvor. dazu wage ich eine hypothese: das ekelgefühl der am schicksal der spinne unfreiwillig anteilnehmenden wurde durch deren noch zuckende beinchen nicht gerade vermindert. mir tat die geschichte ja auch ein wenig leid, war aber leider trotzdem nicht in der lage, etwas anderes zu tun als meinen arm panisch wegzustrecken und »aaaaahhh! mach das weg!« zu kreischen. varun erbarmte sich dann schließlich und säuberte mich taktvoll. kann jetzt nicht so genau einschätzen, ob die situation insgesamt ekliger war als die wenige stunden zuvor, als ich von einem vogel angekackt wurde, habe mir aber fest vorgenommen, mich das nächste mal etwas cooler zu verhalten, damit ich nicht wieder von unästhetischem eingeweidematsch befleckt werde.

identität

Freitag, 9. Mai 2008, 1.31 Uhr

dieser eintrag handelt nicht von der identität von identität und nicht-identität, sondern von anderem zeug. trotzdem wollte ich den satz mal erwähnt haben, denn er klingt gut.
obwohl ich in der letzten zeit ziemlich damit beschäftigt war, schnittchen mit seezunge drauf zu verschmähen, mit regisseuren über fußball zu sprechen und vorträge irischer germanistinnen zu besuchen, habe ich es nicht versäumt, mir in linguistik eine großartige anregung für meine weitere lebensplanung auf den eliteschreibblock zu kritzeln. nämlich: sich darauf spezialisieren, seine gefühle zum ausdruck zu bringen. damit könnte ich große erfolge feiern, im rumjammern bin ich ein profi. habe ich eigentlich erwähnt, dass ich vermutlich gehirnhautentzündung kriegen werde? und das ist noch das beste an meinem leben.
außerdem habe ich, ebenfalls in linguistik, erfahren, dass man seine online-identität in die offline-identität integrieren sollte, damit man nicht medial-identitär (haha, das wort habe ich mir ausgedacht) zerfetzt wird. daher sei an dieser stelle all meinen freunden nachträglich ein schöner v-e-day gewünscht. und dann noch einige private mitteilungen.
mami: wir sehen uns samstag um zehn in der stadt.
tobias: ich komme zu deiner feier, kann aber nichts zu essen mitbringen, weil ichs vorher nicht mehr nach hause schaffe.
peter k.: bitte meld dich mal, ich würde gerne demnächst einen kakao mit dir trinken.
adrian: wo gucken wir dieses jahr bachmann-preis? bei dir oder bei mir?
david: die frankenpost hat schon wieder über dich geschrieben. glaube, irgendwer da ist scharf auf dich.

Freitag, 25. April 2008, 13.16 Uhr

erwachte morgens von brechreiz geschüttelt und schlich dann eine weile unmotiviert in der wohnung umher, stets bemüht, meinen magen keinen erschütterungen auszusetzen. hätte mich gerne wieder hingelegt, aber vom liegen wurde mir schlecht. hörte stattdessen den anrufbeantworter ab, auf dem ich folgende nachricht fand:
»ah, anna, hier ist th. du bist nicht da… verdammt! ich hätte wissen müssen, wie das elegische distichon funktioniert! ach, okay, in ordnung, ich dank dir. tschüß!«
zufälligerweise verfüge ich über enormes wissen das elegische distichon betreffend, aber th. verschmähte dieses bei meinem rückruf, denn er hatte gerade damenbesuch. er murmelte anstandshalber etwas über hexameter, pentameter, daktylus und spondeus und legte dann auf, ehe ich noch erwähnen konnte, dass der plural von spondeus spondeen heißt und es die im deutschen eigentlich gar nicht gibt.

mein wort des tages

Mittwoch, 23. April 2008, 15.57 Uhr

Schnecken-Substanzen.

beschäftigungsidee für heute

Samstag, 12. April 2008, 15.53 Uhr

falls euch auch gerade langweilig ist: archiviert doch mal eure bücher und legt eine tolle tabelle darüber an.

dialog unter freunden

Dienstag, 8. April 2008, 23.03 Uhr

ich: »das stück war toll, aber die leute neben mir haben mich komisch angeschaut.«
er: »naja, du hast dir die ganze zeit notizen gemacht, die dachten, du wärst presse.«
ich: »pah. ich habe nur eine beobachtung über das stück festhalten müssen, die ich dir nicht zuflüstern konnte, weil wir nicht nebeneinander saßen.«
er: »oh, dann lass hören.«
ich: »na gut. der pianist am flügel links und der dirigent sehen zusammen aus wie harry potter und ronald weasley.«

fernsehromantik

Donnerstag, 3. April 2008, 23.23 Uhr

die tagung in marbach war übrigens prima. gar nicht prima hingegen ist die darstellung von romantik im deutschen privatfernsehen:

»Du wolltest von mir was romantisches haben, deshalb hab ich mir überlegt, dass wir zusammen mit einer Kerze Pizza essen und dabei schön romantische Musik hören.«

danach aber kam gleich ein romantiktrainer mit stilechter rosa brille vorbei, der zeigte, wie man salami in herzform aussticht.

der freiherr und ich

Donnerstag, 27. März 2008, 3.48 Uhr

vor zwei tagen von einem entspannten österlichen aufenthalt bei meiner oma zurückgekehrt, der ganz im zeichen von kirchenbesuchen, ausgedehnten spaziergängen, lektüre und massenweise obstbiskwittorte stand. die verdauung letzterer konnte ich mir dann allerdings nicht so gemütlich einrichten, denn ich fand mich bei meiner heimkehr um neun uhr abends gefangen in der schrecklichen situation, in knapp zwanzig stunden eine arbeit über die strukturalistischen ansätze in der texthermeneutik paul ricoeurs abgeben zu sollen. und natürlich hatte ich das deckblatt noch nicht hübschformatiert, geschweigedenn einen auch nur einzigen satz geschrieben. ich bin zwar einerseits »außergewöhnlich begabt«, so schrieb es zumindest der doktor, der mir inzwischen das bereits erwähnte gutachten ausgestellt hat, andererseits aber eine echte knalltüte, wenn es um zeitmanagement geht. nachtschicht einlegen war also angesagt, und ich wandte mich gerade abwärts »zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnißvollen nacht«, als der freiherr, der mir von der wand über dem sofa stets über die rechte schulter blickt, während ich am rechner tippe, aufmerksamkeitsheischend hüstelte; genau so, wie er es gerade im moment tut, weil ich ihn in diesem satz ohne quellenangabe zitiert habe, weswegen ich die geklaute passage schnell noch in anführungszeichen setze, denn er kann unerträglich sein, wenn er verstimmt ist. »was gibts, hardenberg?«, fragte ich ihn, und er blinzelte zweimal, ehe er mit einer gegenfrage antwortete: »dieser strukturalismus, was ist das?« oh mann. da hing er nun schon mehrere monate lang da oben über der couch, hatte mich weiß gott wie viele texte lesen und exzerpieren sehen, unzählige meiner telefonate belauscht, aber immer nicht die einfachsten grundlagen verstanden. ich guckte kurz genervt, warf dann aber doch die wikipedia an, schließlich hatte ich vor, meine wohnung noch einige zeit mit ihm zu teilen und wollte ihn nicht verstimmen. »kannst du das von da aus lesen?«, fragte ich, »oder soll ich vortragen?« da raschelte es hinter mir leise, und seine stimme war näher an meinem ohr als zuvor, als er sagte: »warte, ich sehe es mir selbst an.« sprachs, drängte mich zur seite, setzte sich neben mich auf die truhe und vertiefte sich in den artikel über den strukturalismus. während er so saß und las, versuchte ich, meine nervosität zu kontrollieren, denn ich schwärme sehr für den freiherrn. »was hältst du unter deinem mantel, das mir unsichtbar kräftig an die seele geht?«, dachte ich mir, und jetzt hüstelt er wieder. nach einer kleinen ewigkeit hatte er den eintrag endlich gelesen, und sein »ernstes antlitz [sah] ich froh erschrocken«, und wenn er noch einmal hüstelt, dann rolle ich das poster zusammen und stopfe es tief unter mein bett. »so weit seid ihr gekommen in der wissenschaft?« erkundigte er sich erstaunt, »aber was hat das mit der hermeneutik zu tun? liest man heute noch schleiermacher? liest man etwa sogar mich?« ja nun, was sollte ich sagen? ich versuchte es wieder mit einem zitat: »zu ende neigte die alte welt sich«, erklärte ich ihm, »du wirst schon noch gelesen, aber vielleicht ein bisschen anders, als du dir das vorgestellt hast. der autor ist tot, you know? und die thoren verkennen dich, sie fühlen dich nicht in der goldnen flut der trauben.« ich kann nicht behaupten, dass er über meine eröffnung glücklich war. stattdessen tadelte er mich dafür, ein zitat aus dem zusammenhang gerissen zu haben. aber auch da konnte ich kontern. »deine wuth und dein toben ist vergebens«, neckte ich ihn, »wir leben in der postmoderne, da ist anything goes angesagt. was das bedeutet, erkläre ich dir morgen. über der gegend schwebt ein entbundner neugeborener geist. damit musst du dich abfinden, ob du willst oder nicht. gern will ich rühmen deines glanzes volle pracht, aber zuerst muss ich die hausarbeit schreiben.« der freiherr nickte langsam und seufzte: »und jede pein wird einst ein stachel der wollust seyn. warlich ich war, eh du warst. und ich lebe bei tagen voll glauben und muth. aber jetzt kümmere dich weiter um deine arbeit, ich schaue von oben herunter nach dir.« und so ließ mich der herrliche fremdling mit den sinnvollen augen, dem schwebenden gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen lippen allein mit meiner hausarbeit, und mir blieb nur noch eines zu sagen, ehe er wieder ins poster verschwand: »gern will ich die fleißigen hände rühren, aber sag mal, findest du das hübsch, wie ich mir die haare hochgesteckt habe?«

mal wieder langeweile

Samstag, 22. März 2008, 18.12 Uhr

relativ oft tauchen in den suchbegriffen, mit denen leser diese seite gefunden haben, begriffe wie »langeweile«, »gegen langeweile« und »mir ist langweilig« auf.
erich fromm weist der langeweile einen nicht unerheblichen anteil an der erzeugung von aggression und destruktivität zu, und ich bin der meinung, da hat er recht.
langeweile. zeit, die zu langsam vergeht, die von reizarmut und monotonie gefüllt ist. wie aber die zeit schneller und vor allem produktiver verfliegen lassen? man könnte aufräumen. aber das ist ja langweilig.
ich habe einen bekannten, der in von ihm als langweilig empfundenen physikstunden jede minute eines der kleinen kästchen auf seinem spiralblock tintierte, um so der stunde beim sterben zuzusehen. ich malte mir derweil aus, wie kepler in prag mit tycho brahe stritt. kurze zeit später erfuhr ich von den todesumständen tycho brahes. man sagt, er sei ums leben gekommen, weil er während eines kaiserlichen festmahls äußerst dringend aufs klo gehen musste, das aber aus rücksicht auf die hofetikette nicht tat, denn der kaiser hatte sich noch nicht erhoben (das müsste sich in pražský hrad, der ständigen prager residenz rudolf des zweiten zugetragen haben, falls es sich überhaupt zugetragen hat). eines tages las ich dann »tycho brahes weg zu gott« von max brod, dessen eigenes literarisches werk neben dem nachlass kafkas wenig beachtet dahindämmert. und einige jahre später besuchte ich dann in prag das grab brahes und den astronomischen turm, in dem kepler gearbeitet hatte.
man sieht also, was gegen langeweile hilft.
man kann die zeit beobachten, während sie vergeht. mein bekannter konnte das, ich selbst kann es nicht, vermutlich, weil ich den vorherrschenden arbeits- und produktivitätsbegriff zu sehr verinnerlicht habe. ich muss mir anders behelfen, mit phantasie, lesen, lernen und reisen.

das problem mit der langeweile scheint an feiertagen, aber auch am wochenende besonders intensiv aufzutreten. das liegt wohl daran, dass man an diesen tagen so viel zeit frei zur verfügung hat, dass es schwer ist, sie zu füllen, wenn man keine guten ideen dafür hat.

ich werde versuchen, einige ideen zu sammeln und sie dann jeweils am wochenende hier veröffentlichen.
die aufgabe für dieses wochenende: nimm dir eine stunde zeit und spaziere durch deinen wohnort. schau dir dabei die straßenschilder an. wie viele straßen sind nach menschen oder orten benannt, die du nicht kennst? notiere dir mindestens zwei davon. versuche dann, so viel wie möglich über diese personen oder orte herauszufinden, dass du bei einer stadtführung darüber erzählen könntest.
falls es ein ort ist: wo liegt er? wann wurde er gegründet? welche berühmten personen stammen von dort? gibt es partnerstädte? wenn ja, wo liegen sie? welcher partei gehört der bürgermeister an? gibt es bekannte bauwerke? würdest du den ort gerne besuchen? warum (nicht)?
falls es eine person ist: wann hat sie gelebt? wofür ist sie bekannt? hat sie einen bezug zu deinem wohnort? falls es eine person aus der geschichte ist: was würde sich ändern, wenn sie nie gelebt hätte? falls es eine person aus der wissenschaft ist: wie würde sich dein leben verändern, wenn es ihre entdeckungen nicht gäbe? welche frage würdest du der person stellen, wenn du sie treffen könnest? würdest du gerne für einen tag mit ihr tauschen? warum (nicht)?

luxusprobleme

Samstag, 22. März 2008, 3.36 Uhr

gestern eine mail an den doktor geschrieben, der mir beziehungsweise der universität bestätigen soll, dass es irre sinnvoll für mich ist, bei der schlegel-gesellschaft abzuhängen und dafür fahrt- und hotelkostenerstattung einzusacken. leider hat er bis jetzt nicht geantwortet, obwohl ich mein anliegen etwas milder formuliert habe als hier. bin noch unsicher, ob ich das gegen schlegel oder gegen mich gerichtet interpretieren will. vielleicht sollte ich auch vom standpunkt abkommen, dass menschen, die mich kaum kennen, an feiertagen nichts besseres zu tun haben, als sich um meinen unorganisierten scheiß zu kümmern. daneben hänge ich schwärmerischen gedanken über eine zukünftige arbeit nach, welche ich »die sprachphilosophischen fragmente novalis‹ im spannungsfeld zwischen logik und mystik« zu betiteln wünsche.
ansonsten ist alles easy und mannigfaltig blüthenstaub. und latein bestanden hab ich auch.

obwohl, ein problem gibt es doch. in meinem stundenplan fürs nächste semester klafft dienstag von zwei bis vier eine lücke (es sind immer lücken, die klaffen. eigentlich will solche sätze heutzutage niemand mehr lesen, da könnte man auch herz auf schmerz reimen). danach hab ich nur noch cäsarkurs. das bedeutet, ich muss die lücke füllen, sonst werden cäsar und ich einander niemals das du anbieten, weil ich vorher einschlafe oder nach hause fahre.
zur auswahl stehen drei kurse:

a) »heldenepik – vorgelesen und übersetzt« aus der mediävistik. klingt ein bisschen wie eine märchenstunde, sicher eine, vorsicht: blöder wortwitz, (ent)spannende vorlesung für zwischendurch.
b) »boethius – der trost der philosophie« aus, wer hätte das gedacht, der philosophie. ist ein textseminar, das heißt, man muss was tun. aber ich könnte rumprollen und die consolationes philosophiae im original lesen. außerdem zitiert ignatius aus der confederacy of dunces ständig daraus.
c) »grundprobleme der eschatologie« aus der theologie. die vorlesung wird von einem physiker gehalten (das ist gut, auf partys rede ich gerne mit physikern), und ich könnte sie mir vielleicht für das crazy ethikstudium anrechnen lassen, das ich nebenbei anfangen werde, weil ich sonst nix zu tun habe.

ich weiß schon jetzt, dass ich, egal wofür ich mich entscheiden werde, danach lieber in einer der beiden anderen veranstaltungen gesessen hätte. daher würde ich die entscheidung gerne auf jemanden abwälzen. vorschläge, anyone?

schulmädchenreport

Mittwoch, 12. März 2008, 18.57 Uhr

heute morgen einen anruf von meinem besten freund erhalten, der über seine magisterarbeit zu sprechen wünschte. einzig das fehlen eines spezifischen themas hält ihn noch vom schreiben ab. das ist zumindest, was er behauptet. ich hingegen behaupte, er hat seine arbeitseinstellung direkt vom englischen landadel typ »stolz und vorurteil« übernommen (eine seiner lieblingsbeschäftigungen ist es zum beispiel, auf die post zu warten, was er damit rechtfertigt, dass hunde das auch gerne täten). ein wunderbares beispiel dafür, wie sich selbst- und außenwahrnehmung unterscheiden können. fest steht aber, dass er »irgendwas über gleichstellung« schreiben möchte. weil es gerade zum thema passt und um ihn etwas aufzuheitern, erzähle ich meinem freund von der löblichen bewegung für unisextoiletten an amerikanischen universitäten. »hm«, sagt er da, »uni-sex-toiletten? da habe ich jetzt andere assoziationen«, und ich muss, obzwar es wirklich äußerst albern ist, ein wenig kichern.

trinken mit mr. wax

Sonntag, 9. März 2008, 19.12 Uhr

vor einigen jahren befand ich mich des abends in einer der berüchtigsten kneipen der stadt, aus der heute längst ein raucherclub geworden ist. dort konsumierte ich in der ebenso illustren wie zweifelhaften gesellschaft eines jungen herren, der einen selbst erschwindelten whoiswho-eintrag sein eigen nannte, das ein oder andere alkoholische getränk, denn man kann sich ja nicht täglich mittels presseausweisen dubioser herkunft freibier organisieren. sollte euch dieser junge herr einmal begegnen, so zögert nicht, euch ihm willig zum zwecke eines kleinen umtrunkes anzuvertrauen, es könnte ein großartiges erlebnis werden. aber glaubt ihm kein wort. obwohl er im geiste und ein wenig auch im outfit oscar wilde ähnelt, er kommt nicht aus dublin. auch sein name ist nicht echt. aber vielleicht wird er euch das im laufe des abends selbst erzählen. zumindest, falls ihr nicht, so wie wir, aus der kneipe rausfliegt, weil er unzucht mit einer kerze getrieben hat.

der agent und ich

Samstag, 8. März 2008, 15.40 Uhr

besonders motiviert, endlich mit meiner hausarbeit über die studien zum autoritären charakter zu beginnen, war ich nicht gerade. da ich aber schon einige zeit darauf vertrödelt hatte, verschiedene bücher und kopien dekorativ auf meinem bett zu verteilen (mein heim mag kein schloss sein, mein schlafplatz aber ist definitiv ein zweiter schreibtisch) und eigentlich der bibliothek ein weiteres mal einen kleinen besuch abstatten wollte, schien mir das energische klingeln an der tür zeitlich ein wenig unpassend. aber wenigstens war ich, immerhin wollte ich ja gerade nach erlangen fahren, vollständig und tageslichttauglich bekleidet. mein versuch, eine ausrede zu erdenken, warum ich gerade jetzt in diesem moment die tür nicht öffnen konnte, wurde von einem weiteren klingeln unterbrochen, das dem ersten in intensität an nichts nachstand. ich ergab mich dem feind und öffnete die tür. »na endlich«, sagte der mann, schob mich ein wenig zur seite, betrat mein zimmer, setzte sich auf die couch und legte seine füße, die in schnittigen motorradstiefeln steckten, auf meinem kreisrunden weißen wohnzimmertisch ab. das adventsgesteck, das ich seit monaten dort stehengelassen hatte, schob er ebenso zur seite, wie er es vorher mit mir getan hatte. »äh«, sagte ich. die drei fragen, die ich ihm hatte stellen wollen (wer bist du? was machst du hier? gefällt dir das gesteck nicht?), unterbrach er mit einem ungeduldigen zungenschnalzen. »agent gideon. hast du was zu trinken?« ich nickte, holte ihm eine coke zero aus dem kühlschrank und setzte mich auf das andere sofa. »und was soll das?«, fragte ich. »ich fahre den porsche«, antwortete er. »aber das geht nicht«, sagte ich, »ich habe gar kein auto. außerdem muss ich in die bibliothek«. der verrückte rollte mit den augen. »ich bin eingeweiht«, sagte er, »für deine hausarbeit habe ich eine gliederung mitgebracht, um den rest kümmern wir uns später. können wir jetzt bitte die mission besprechen?« er kramte ein blatt papier aus seinem agentenkoffer und reichte es mir. ein blick darauf genügte, es war wirklich eine gliederung für meine hausarbeit, sie war sehr gut und ich ein wenig zufriedener mit der welt, aber nicht weniger irritiert. »agent gideon«, murmelte ich, »bist du vom fbi?« der agent sah mich an, als hätte ich ihm h-milch zu seiner cola angeboten. »nein«, sagte er, »scotland yard. bist DU überhaupt eingeweiht?« nun, ich war eindeutig nicht eingeweiht in die dinge, die sich gerade in meiner wohnung abspielten. »nein«, erwiderte ich, »und außerdem… du bist brite? ich verstehe kein britisches englisch!« agent gideon warf mir einen lasziven blick zu, leckte sich über die oberlippe und raunte: »ist das so? ich muss kein brite sein, wenn dir das nicht gefällt. es ist dein traum. wie hättest du mich gerne?« – »lass das«, befahl ich dem verrückten, »das ist keiner von diesen träumen. und jetzt hör auf mit dem unsinn, wir müssen eine hausarbeit schreiben«. der agent schnaubte ein wenig. »ja, machen wir noch. aber erstmal kümmern wir uns um die mission, die ist brandgefährlich«. ich musste ein wenig schmunzeln. »haha«, schmunzelte ich also, »gefählich? so gefährlich wird die schon nicht sein, man kann im traum gar nicht sterben. jedenfalls nicht richtig. menschliches bewusstsein und so, du weißt schon«. den agent beeindruckte das aber gar nicht. »genau«, stimmte er mir zu, »du kannst im traum nicht sterben. deswegen bin ich ja hier. und jetzt zieh dir schuhe an, wir müssen hier raus. ich habe den porsche nur für 24 stunden gemietet, und wir müssen heute nacht noch einen altar zerstören«.
nachdem wir das erledigt hatten, hatten wir den porsche noch für drei stunden. agent gideon fuhr mich zur bibliothek, half mir beim kopieren und bastelte mir die formatvorlage für die hausarbeit hübsch, vor der ich gerade sitze. schade, dass er keine zeit mehr hatte, mir die einleitung zu schreiben, in soziologischer theorie war er gar nicht so übel.